Oder: How I Learned to Stop Worrying and Love Electro
Angefangen hat ja wohl alles mit Franz Ferdinand. Der Tod des Thronfolgers hat zwei Weltkriege mit zahlreichen Gefechten auf Haupt- und Nebenschauplätzen eingeleitet, die nach ihm beannnte Band aus Glasgow kann als Ursprung der heissesten Musikbewegung des neuen Jahrtausends betrachtet werden.
Understated, cool und selbstironisch sang Alex Kapranos, der Sänger von Franz Ferdinand, im Jahr 2004 in “This Fire”, “Eyes, boring a way through me / Paralyse, controlling completely / Now there is a fire in me / A fire that burns”, und drückte damit aus, was viele Jugendliche, die in den Nullerjahren erwachsen wurden, nicht in Worte fassen vermochten: Die paralysierende Erkenntnis, dass das Ende des Endes der Geschichte das Zeitalter sein würde, in dem man aufwachsen würde. Dabei wollte man doch nur wie die Generation X zuvor seinen Spass haben. Es war ein Verlangen nach Hedonismus mit der gleichzeitigen Erkenntnis seiner Unangebrachtheit. Den Spass liess man sich dann aber nicht nehmen und so schrie man bis spät Nachts mit dem munter poppigen, unpolitischen und zugleich verwirrenen Chorus von “This Fire” mit: “This fire is out of control / I’m going to burn this city / Burn this city” — jawohl! Nun gut, vielleicht stand dieses Feuer auch nur für den niedlich-kitschigen Beginn einer neuen Liebe, aber der Sound für das neue Zeitalter war gefunden.
Das Feuer jedenfalls, das brannte weiter. Überall auf der Insel sprossen Indie-Rock-Bands hervor, die das neue Lebensgefühl mal besser, mal schlechter einfingen. Einige von ihnen kennen wir heute noch, die meisten sind schon vergessen. Unweigerlich expandierte die Szene ferner in verschiedenste Ecken des angelsächsischen Raums und über den Atlantik. So klang es bereits wenige Monate später von den gar nicht morbiden The Killers aus Las Vegas in “Somebody Told Me” folgendermassen: “Somebody told me / You had a boyfriend / Who looked like a girlfriend / That I had in February of last year”. Ach ja, während die Ölfelder im Irak brannten, war die Welt in der Wüste von Nevada noch in Ordnung. Aber trotzdem war man zunächst ein wenig skeptisch. Waren das Synthesizers, die man da hören konnte? Das klang ja fast wie elektronische Musik. Darf man das denn überhaupt gut finden? Nach mehrmaligem Hören liess man solche Gewissensbisse dann aber getrost hinter sich, man wollte ja eben nur seinen Spass haben und da kamen The Killers wie gerufen bzw. dezent herbeigeschrien.
Einen halben Schritt rückwärts oder zumindest zur Seite gab es dann mit Bloc Party. Die Synthies waren kaum hörbar und die Sache schien plötzlich politisch zu werden. Zumindest wurde behauptet, dass der Sänger Kele Okereke Bush II im Sinn hatte, als er “Helicopter” begann mit “North to south, empty / Running on bravado / As if to say, as if to say / As if to say he doesn’t like chocolate / He’s born a liar, he’ll die a liar / Some things will never be different”. Okereke bestreitet das aber bis heute, der Song sei über ihn selber. Narzissmus statt Politik — ihm sei alles verziehen!
Einen Zahn zu legten dann Death from Above 1979. Die zweiköpfige Band aus Toronto, die sich der Legende nach entweder im Gefängnis, auf einem Piratenschiff oder in einer Schwulenbar kennengelernt hatten, besassen als Instrumente gerade einmal ein Schlagzeug, eine Bassgitarre sowie einen Synthesizer, der alles mächtig verzerrte. Auf ihrem einzigen Album You’re a Woman, I’m a Machine erklären sie in “Romantic Rights”, “Your romantic rights are all that you got”, und treiben dann in “Pull Out” alles auf den schalen Höhepunkt: “I love my girl / I want to get her off / Turn the lights up / So I can see”.
Und kurz darauf — keine Zeit für’s Nachspiel — geschah es. Man stolperte irgendwie über Remixe von Death-from-Above-1979-Songs, Remixe von Elektro-Gruppen wie MSTRKRFT und Justice. Die Remixe waren geil, keine Frage. Sie rockten, das war klar. Das Problem war nur, dass da irgendwie die Instrumente fehlten. Man musste schon gut hinhören, um die Bassgitarre von Jesse F. Keeler noch herauszuhören. Aber es kam noch schlimmer. Es war Keeler selber, der nach der Auflösung der Band die Bassgitarre an den Nagel hängte und sich auf MSTRKRFT konzentrierte.
Als dieses Elektro-Duo dann 2006 ein eigenes Album herausbrachten, wollte man ihnen mindestens eine Chance geben. Wer zuvor bei Death from Above 1979 spielte, konnte ja nicht nur schlecht sein. Ausserdem mochte man ja die Remixe. Und man höre und staune, ein paar Songs auf The Looks waren zwar ein bisschen schwächlich, aber “Paris” liess nur eine Konklusion zu, eine Konklusion, die man sich noch wenige Jahre zuvor niemals erträumt hätte: Es hat zwar keine Gitarren, kein Schlagzeug und keinen Sänger, aber das ist die Musik, die am Samstagabend die Klubdächer zum brennen bringen soll.
Freilich, man traute sich dies noch nicht so richtig zuzugeben. Vielleicht war “Paris” ja auch nur eine Ausnahmeerscheinung. Wie von dem Song fast herbeigeschworen kam dann aber das Pariser Elektro-Duo Justice und zeigten mit †, dass es kein Zurück mehr gab. Rock’n'Roll is dead, let’s “D.A.N.C.E”! Am besten mit vielen Glowsticks. Dem bunten, seichten Kitsch war kein Entkommen mehr.
Zurück auf der Insel, wo das Ganze ja bekanntlich begonnen hatte, tat sich derweil auch merkwürdiges. Bands wie die Klaxons oder Hadouken! hatten zwar noch echte Instrumente in den Händen, sie schmückten sich aber mit Genrelabels wie “New Rave” und “Grindie” und die Ästhetik und auch der Sound von Liedern wie “Atlantis to Interzone” und “That Boy That Girl” folgtem klar dem Trend der Zeit.
Weit sind wir gekommen und hier sind wir also heute: In einem neonfarbenen Labyrinth, stets dem nächsten Kick nachjagend. Die neueste Elektro-Generation wie der Berliner Alexander Ridha a.k.a. Boys Noize oder die Pariser von Teenage Bad Girl lassen mit Titeln wie “& Down” und “Cocotte” auf eine lange, wilde Nacht hoffen.
Das Feuer, das Franz Ferdinand entfacht haben, wird wohl noch eine Weile brennen. In welche Richtung es der Wind aber treiben wird, das traut sich wohl niemand vorherzusehen. Man wünscht sich aber auch in Zukunft Musik, die einen das Zeitgeschehen verdrängen lässt. Dieses verspricht ja nicht, bald viel angenehmer zu werden.
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