Klimawandel, Apokalypse und der Staat: Eine nüchterne BetrachtungErschienen im liberty.li-Magazin am 7. Januar 2007 Zurück |
Die US-amerikanische Wissenschaftlervereinigung Union of Concerned Scientists (UCS) hat eine Studie veröffentlicht[1], in der behauptet wird, dass ExxonMobil zwischen 1998 und 2005 mit hohem Kapitaleinsatz eine Desinformationskampagne führte, um die öffentliche Meinung zum Thema Klimawandel zu beeinflussen. Diese Kampagne weise Parallelen mit jener der Tabakindustrie auf, die sich in der Vergangenheit in die Debatte um die gesundheitlichen Risiken des Tabakkonsums eingeschaltet hat. Wer nun meint, dass damit das letzte Wort zum Thema Klimawandel aus wissenschaftlicher und politischer Sicht gesagt ist, irrt. Das Thema erweist sich nämlich als weitaus komplizierter, wenn man sich der Rolle des Staats bewusst wird. Obwohl die UCS in der Vergangenheit auch Kritik ausgesetzt war[2], gehen wir hier der Bequemlichkeit halber davon aus, dass das Resultat ihrer jüngsten Studie wahr ist. Unter dieser Annahme könnte man bequem schliessen, dass man all jene Wissenschaftler, die Bedenken an der verbreiteten Meinung über die Ursachen des Klimawandels anmelden, nicht ernst nehmen muss, da die meisten von ihnen sowieso von Mineralölkonzernen finanziert sind und damit unwissenschaftlich arbeiten. Daraus könnte man folgern, dass es tatsächlich keinen Zweifel gibt, dass der Klimawandel von menschlichen Aktivitäten verursacht ist und in Zukunft eine grosse Gefahr für viele Teile der Welt darstellen wird. Daraus wiederum würden die meisten Menschen wohl folgern, dass staatliche beziehungsweise überstaatliche Zwangsmassnahmen notwendig sind, um dem Problem zu begegnen – etwa in Form des Kyoto-Protokolls. Keiner dieser Schlüsse ist jedoch zwingend. Aber rollen wir das obige (Schein-)Argument von hinten auf. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass der Mensch die Hauptursache des Klimawandels ist – eine Annahme, für die man guten Grund hat[3] –, und weitere Treibhausgasemissionen sich in Zukunft weiterhin negativ auf das globale Klima auswirken werden, ist das noch lange kein Argument für staatliche Zwangsmassnahmen. Das Kyoto-Protokoll kann zum Beispiel als reinster Misserfolg angesehen werden. Viele ökonomen weisen mittels Kosten-Nutzen-Analysen darauf hin[4], dass der finanzielle Nutzen des Kyoto-Protokolls seine enormen wirtschaftlichen Kosten nicht, oder nur geringfügig übersteigt. Aufgrund dessen fordern natürlich bestimmte Gruppen bereits, dass die staatlichen Zwangsmassnahmen in der Bekämpfung des Klimawandels intensiviert werden sollen. Wie bei den meisten Eingriffen des Staats in die Wirtschaft wären die ersten Verlierer eines solchen verstärkten „Krieges gegen den Klimawandel“ die ärmsten, oder in diesem Fall die Bewohner der Entwicklungsländer, die noch mehr als alle anderen auf ein schnelles wirtschaftliches Wachstum angewiesen sind, damit sie sich selber aus der Armut heben können. Auch der dänische Statistikprofessor Björn Lomborg betont, dass eine Erfüllung der Kyoto-Ziele aufgrund der weltweiten Lage eine reinste Fehlinvestition wäre[5]. Staatlichen Zwangmassnahmen sollte man also kritisch gegenüberstehen. Das heisst aber natürlich noch lange nicht, dass die Welt dem Untergang geweiht wäre, wenn die verbreitete Meinung über den Klimawandel stimmt. Obwohl es auch staatskritische Organisationen gibt, die beziehungsweise deren Mitarbeiter laut der UCS-Studie
auch schon Gelder von ExxonMobil erhalten haben – zu erwähnen wäre das Cato Institute, das Centre for the New Europe, das Independent Institute, sowie die Tech Central Station –, gibt es auch Marktwirtschaftler, die Lösungen vorschlagen, wie man dem Klima-Problem begegnen könnte. Steve Kubby, einer der Kandidaten der amerikanischen Libertarian Party für Nomination zu den Präsidentschaftswahlen 2008 weist zum Beispiel darauf hin, dass Mineralöl momentan in den USA auf unterschiedliche Arten stark subventioniert ist[6]. Würden diese Subventionen wegfallen, dann würden auch Alternativen zum Mineralöl attraktiver werden, deren Nutzung weniger Treibhausgasemissionen hervorrufen würde. Die daraus resultierende Verringerung der Treibhausemissionen in den USA würden einen enormen Unterschied machen, liegt doch der Anteil der USA an den weltweiten Treibhausemissionen bei 23,8%[7]. Des Weiteren sagte der amerikanische Autor Sheldon Richman kürzlich, dass wir auch bei der möglichen Bedrohung durch den Klimawandel Vertrauen in den Marktprozess haben sollen[8]. Er wies dabei auf ein Rundtischgespräch der Reason Foundation zum Thema Klimawandel hin[9]. Dort sagte beispielsweise Julian Morris[10], dass die Armen die ersten wären, die unter den möglichen Folgen des Klimawandels leiden würden, da ihnen nicht genug Mittel zur Verfügung stehen würden, um sich an die durch den Klimawandel veränderten Bedingungen anzupassen. Wie oben beschrieben, wären es aber auch die Armen, die zuerst negativ von staatlichen Zwangsmassnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels betroffen wären. Somit ist Morris’ Vorschlag, den Markt weltweit zu befreien, um den Wohlstand der Armen zu heben, damit sich diese besser gegen mögliche Folgen des Klimawandels schützen können, die logische Folgerung dieser zwei Erkenntnisse. Eine weitere Strategie zur Bekämpfung des Klimawandels kommt überraschenderweise aus einer ganz anderen Ecke. Auf der Webseite von Al Gores Film „An Inconvenient Truth“ gibt es einen Massnahmenkatalog[11], den jeder in seinem täglichen Leben verfolgen kann. Grundsätzlich geht es dabei darum, energiebewusster zu leben. Obwohl Gores Film mit starken übertreibungen aufwartet[12], ist ein solcher Katalog erfreulich. Die vorgeschlagenen Massnahmen wären bei breiter Anwendung sehr effektiv und laufen – im Gegensatz zu staatlichen Zwangsmassnahmen – kaum Gefahr, ungewollte Nebenwirkungen hervorzurufen. Wir sehen also, dass die orthodoxe Meinung, nur der Staat könne den Klimawandel
bekämpfen, überhaupt nicht der Wahrheit entspricht. Wir haben jedoch noch nicht besprochen, ob der Grund, weshalb viele Leute staatliche Zwangsmassnahmen verlangen, überhaupt wissenschaftlich fundiert ist. Hat der Mensch einen so grossen Einfluss auf das globale Klima, wie oft behauptet wird? Als Laie kann man diese Frage leider nicht selbst beantworten, und muss sich auf Expertenaussagen stützen. Viele Wissenschaftler sagen, dass die menschlichen CO2-Emissionen das Klima stark verändern und es in Zukunft zu einem weiteren weltweiten Anstieg der Durchschnittstemperaturen kommen wird. Einen breiten Konsens, wie er oftmals postuliert wird, gibt es aber nicht, denn im Detail gehen die Meinungen weit auseinander. Und obwohl oben geschrieben wurde, dass es gute Gründe gibt, der verbreiteten Meinung zu glauben, ist Skepsis im wissenschaftlichen Diskurs immer erlaubt[13]. Vor allem, wenn es um ein solch kompliziertes System wie das globale Klima geht. Selbst wenn man also davon ausgehen würde, dass all jene Wissenschaftler, die von ExxonMobil Gelder erhalten, unwissenschaftlich arbeiten, wären damit noch nicht alle Zweifel aus der Welt geräumt. Doch auch für letztere Annahme gibt es keinen zwingenden Grund. Die möglichen Motivationsgründe, die ExxonMobil dazu bewegen, bewusste Desinformation zu verbreiten und Wissenschaftler dafür zu bezahlen, der öffentlichkeit falsche Ergebnisse zu präsentieren, sind scheinbar schnell gefunden: ExxonMobil muss den Gewinn schützen und somit verhindern, dass das Unternehmen in ein schlechtes Licht gerückt wird[14]. Bei der UCS
werden, wie weiter oben erwähnt, Parallelen zu den Strategien der Tabakindustrie gezogen. Auf den ersten Blick scheint dieser Vergleich zwar völlig unangebracht, aber auf eine überraschende – und bestimmt unbeabsichtigte – Weise trifft er eigentlich gut zu. Die UCS schreibt selber, dass mit der Desinformationskampagne „Massnahmen hinausgezögert“ werden sollen. Mit diesen Massnahmen sind natürlich staatliche Zwangsmassnahmen gemeint. Und dadurch wird auch klar, weshalb der Staat als Teilursache für eine solche Desinformationskampagne angesehen werden kann. Genauso wie der Tabakindustrie ein finanzieller Schaden in immenser Höhe droht, wenn der Staat aufgrund der gesundheitlichen Risiken Werbeverbote für Tabakprodukte und Rauchverbote durchsetzt und damit der Tabakindustrie einen Anreiz gibt, sich in die politisierte Wissenschaftsdebatte einzuschalten, stellen auch staatliche Zwangsmassnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels eine finanzielle Gefahr für Mineralölkonzerne dar – und sei es nur die Gefahr, dass die direkten und indirekten Subventionen wegfallen. Somit schafft der Staat künstliche Anreize für diese Konzerne, finanziellen Einfluss auf die Wissenschaft auszuüben. All dies heisst aber noch immer nicht, dass man die Wissenschaftler, die Gelder von ExxonMobil erhalten haben, nicht ernst nehmen darf. Natürlich haben diese aber einen gewissen Druck, ihren Geldgeber zufrieden zu stellen. Dasselbe gilt aber auch für jene Wissenschaftler, die staatlich finanziert sind; nur geschieht dies bei ihnen auf subtilere Art und Weise. Genauso wie Unternehmen keine neutralen Institutionen sind, ist auch der Staat keine, auch wenn das oft angenommen wird. Das Wesen des Staats hat nämlich die Tendenz, immer grösser zu werden. Wenn zum Beispiel Staatsangestellte erkennen, dass ein von ihnen erlassenes Gesetz ungewollte Nebenwirkungen hat, erlassen sie einfach ein neues, um die Nebenwirkungen zu behandeln. Dies ruft natürlich weitere Nebenwirkungen hervor. Sie haben aber keinen Anreiz, die Gesetze rückgängig zu machen, da sie damit ihr eigenes Amt in Gefahr bringen würden. Ein ähnlicher Mechanismus existiert bei Wissenschaftlern, die vom Staat beauftragt sind. Gerade beim Thema Klimawandel hat das Resultat einer wissenschaftlichen Untersuchung ausschlaggebende Auswirkungen auf das Handeln des Staats. Wenn herausgefunden wird, dass der Mensch keinen Einfluss auf das Klima hat, kann der Staat nichts machen. Wenn aber das Gegenteil herausgefunden wird, dann hat der Staat nach der verbreiteten Ansicht eine Handlungslegitimation. Der Staat muss zur Rettung eilen! Dafür benötigt der Staat aber natürlich wissenschaftliche Berater. Und wer wäre dafür besser geeignet als jene Wissenschaftler, die zuvor untersucht haben, ob der Mensch einen Einfluss auf das Klima hat? Damit zeigt sich, dass jener von der öffentlichen Hand bezahlte Klimawissenschaftler, der aufgrund der Komplexität der Thematik nicht mit Bestimmtheit den einen oder den anderen Schluss ziehen kann, einen Anreiz hat, mit Sicherheit zu behaupten, dass der Mensch einen Einfluss auf das Klima hat. So sichert er sich den nächsten Job. Ein Anreiz zum unwissenschaftlichen Arbeiten existiert also sowohl für die Wissenschaftler, die von privaten Unternehmen finanziert werden, wie auch für jene, die vom Staat finanziert werden. Im Gegensatz zu privaten Unternehmen hat der Staat sogar noch ein geringeres Interesse, für ein gutes öffentliches Ansehen zu sorgen, da sich eine schlechte Meldung über ihn nicht direkt finanziell bemerkbar macht. Somit besteht für den staatlich finanzierten Wissenschaftler vielleicht sogar noch ein grösserer Anreiz, Untersuchungen bewusst zu verfälschen oder falsch zu interpretieren. Weiter verschlimmert wird dies, weil den meisten Menschen zwar bewusst ist, dass Unternehmen einseitig motiviert sind, gleichzeitig aber das, was der Staat sagt, von vielen nicht
hinterfragt wird. Wir sehen also, der Staat hat als Monster Leviathan seine Finger überall im Spiel. Das verbreitete Bild von den bösen lügenden Erdölkonzernen und dem guten ehrlichen Staat erweist sich als Trug. Wahrscheinlich sind – frei nach Lord Acton – beide aufgrund ihrer Macht korrumpiert. Leider beantwortet das alles die Frage nach dem menschlichen Einfluss auf das Klima nicht. Es bleibt aber zu hoffen, dass sich die wissenschaftliche Wahrheit – wie auch immer sie lauten mag – eines Tages durchsetzten wird. Bis dahin ist es aber bestimmt kein Fehler, wenn man nicht sinnlos Energie verbraucht. Das Portemonnaie wird es einem sowieso danken.
[1] Scientists' Report Documents ExxonMobil's Tobacco-like Disinformation Campaign on Global Warming Science
[10] Reason Roundtable 9/7/2006: Global Warming – Morris: The Role of Market Institutions in Enabling Adaptation to Climate, Change
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