Liberale und 68er für freie Hochschulbildung?Erschienen in Akademiker. Das Magazin für Studenten Nr. 6. Zurück |
2008 feiert die Universität Zürich, die erste europäische Universität, die von einem demokratischen Staat gegründet wurde, ihr 175. Jubiläum. Vor vierzig Jahren wuchs in den Ländern Westeuropas und in Nordamerika die 68er-Bewegung heran. Diese zwei Ereignisse werden zum Anlass genommen, um die Gedanken zweier liberaler ökonomen, Adam Smith und Murray Rothbard, zum Thema Hochschulbildung zu untersuchen und sie ins Licht der staatlichen Bildung setzen. Gerade im Zusammenhang mit den Studentenprotesten kommt dabei überraschendes heraus. 1833 wurde die Universität Zürich nach einem Beschluss des Zürcher Regierungsrats gegründet. Anders als alle europäischen Universitäten vor ihr hatten auf die Gründung der UZH weder Kirchen noch Landesfürsten irgendeinen direkten Einfluss. Seither wird die UZH durch die Steuern der Bürger subventioniert. Wegen dieses Anspruchs auf demokratische Legitimierung kann erwartet werden, dass in Zürich eine möglichst freie und hochwertige Hochschulbildung genossen und ebensolche Forschung betrieben werden kann. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass erstens auch der demokratische Staat keine neutrale Instanz ist und zweitens eine weitgehende staatliche Monopolisierung des Bildungswesens Alternativen und Experimente in der Hochschulbildung nahezu verunmöglicht. Zwei einflussreiche liberale ökonomen und Sozialphilosophen haben sich zu ihrer Zeit gegen eine Einmischung des Staats in das Hochschulwesen gewehrt: Der Schotte Adam Smith (1723-1790) und der US-Amerikaner Murray Rothbard (1926-1995). „Unsichtbare Hand“ auch in Bildungsfragen?Adam Smith wird heute als bedeutender ökonom und Vordenker des Liberalismus anerkannt. Seine Argumente für einen freien und offenen Markt ohne Sonderprivilegien finden noch immer zumindest in Form von Lippenbekenntnissen ihren Weg in den politischen Diskurs. Die „unsichtbare Hand“, wie man sie von Smiths Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen (1776) kennt, gilt auch in der zeitgenössischen ökonomie noch als gelungene Beschreibung und Erklärung der überlegenheit des Marktes gegenüber der staatlichen Planwirtschaft. Doch heute machen sogar viele Liberale bei ihren Forderungen nach weniger Staat vor der Bildung halt. Bildung ist für sie ein Gut, das vom Staat angeboten werden müsse und das schliesst natürlich auch eine Einflussnahme der Regierung im Universitätswesen ein. Smiths Staatsskepsis machte aber auch vor der Hochschulbildung nicht halt. Er forderte für die wissenschaftliche Lehre und Forschung wie für alle anderen Güter einen freien Markt. Nur wenn das Lehrangebot von einer realen Nachfrage ohne staatliche Verzerrungen abhänge, könne garantiert werden, dass keine veralteten oder falschen Lehren propagiert würden. Ansonsten bestünde die Gefahr, dass sich in den Universitäten nur "eine nutzlose und pedantische Anhäufung von Sophismen und Unsinn" finden liesse. Besetzer als Privatisierer?Es war wohl unter anderem solcher universitärer Unsinn, welcher die Studierenden der 1968er-Generation zu den berüchtigten Protesten gegen den bildungspolitischen Status quo und für eine Befreiung der Universitäten von äusseren Einflüssen verleitete. Murray Rothbard, der zuletzt Professor für ökonomie an der University of Nevada, Las Vegas war und mit seinem radikalen Antietatismus ein indirekter geistiger Erbe Smiths ist, äusserte sich 1969 in einem Essay mit dem Titel „The Student Revolution“ äusserst wohlwollend zu den Unruhen an den US-amerikanischen Universitäten. Die Studierenden, die 1968 und 1969 im ganzen Land, von der Ostküste an der Columbia University und der Harvard University bis zur Westküste an der University of California, Berkeley und der San Francisco State University Gebäude besetzten und Streiks durchführten, waren nach Rothbards Rechtsauffassung nämlich gemeinsam mit dem Personal der Universitäten deren jeweils wahre Eigentümer. Rothbard stellte fest, dass alle US-Universitäten Staatseigentum seien - sogar die vermeintlich privaten Universitäten, da auch diese grösstenteils durch staatliche Subventionen finanziert würden. Weil nun Rothbard genau wie Smith der Ansicht war, dass der Staat in Bildungsfragen nichts zu sagen habe, sah er im Besetzen der Universitäten ein Mittel, die jeweiligen Bildungseinrichtungen zurück in private Hände zu führen und der monopolistischen Kontrolle der Regierung zu entziehen. Freie Bildung heute?Auch heute, 175 Jahre nach der Gründung der staatlichen UZH und 40 Jahre nach den gescheiterten Studentenprotesten, lohnt es sich, über die Freiheit und Qualität unserer Bildung zu nachzudenken. Sind die gross angelegten politischen Reformunternehmungen, wie wir sie erleben, tatsächlich im Sinne der Lehre und Forschung? Können die vom Hochschulalltag weit entfernten Bildungspolitiker überhaupt qualifizierte Entscheidungen treffen? Oder ist es vielleicht Zeit für ein alternatives Modell zur Organisation der Hochschulbildung? Antworten auf diese Fragen lassen sich, wie hier gezeigt wurde, über vermeintliche Ideologiegrenzen hinweg suchen. |
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