Wer ist Daniel Model?


Erschienen in Akademikerzeitung Nr. 8.

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Frustriert von den politischen Verhältnissen gründet ein erfolgreicher schweizerischer Unternehmer Avalon. Noch hat der Staat kein Territorium, doch Daniel Model hat Grosses damit vor. Ein Portrait.

Zwey Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, / Die eine will sich von der andern trennen; / Die eine hält, in derber Liebeslust, / Sich an die Welt, mit klammernden Organen; / Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust, / Zu den Gefilden hoher Ahnen.
Aus Goethes Faust I, Verse 1112ff

Daniel Model ist ein Mann der Gegensätze. Er ist CEO der Model-Gruppe, die in fünf Ländern mit knapp 3'000 Angestellten erfolgreich Verpackungen herstellt. Er ist scharfer Kritiker des Sozialstaats, der in seinen Augen Wohlstand zerstört und nicht reformierbar ist. Er ist Gründer der Kids’ Charity Gala, die seit 2001 Geld für Institutionen sammelt, die sich an Kinder und Jugendliche richten. Und er ist Präsident des nichtterritorialen Staats Avalon, dessen Geist gemäss Mythos am 22. März 2006 vom Wasser gereinigt aus dem Bodensee emporstieg.

Model in Weinfelden

Ich treffe Daniel Model an einem fast wolkenlosen Spätsommertag am Firmensitz der Model Holding AG im thurgauischen Weinfelden. In Weinfelden meint man sich zunächst in der Mitte des letzten Jahrhunderts wiederzufinden. In den ruhigen Strassen sieht man, während im Hintergrund Kirchenglocken erklingen, kleine Häuser mit gehissten Schweizerflaggen. In den Gärten wachsen Sonnenblumen und kleine Apfelbäume, auf den Wiesen hängt Wäsche an langen Leinen. Durch die Fenster des „Quartierlädelis“ lassen sich Bananen ausmachen, braune, gelbe und grüne. Nur zwei ältere Muslimas mit Kopftüchern und langen schwarzen Kleidern, die auf der Strasse eindringlich miteinander diskutieren, lassen vermuten, dass auch Weinfelden im Zeitalter der Globalisierung angekommen ist.

Und tatsächlich, nach nur wenigen hundert Metern erreicht man eine Kantonsstrasse. Graue Lärmschutzwälle trennen das Wohngebiet von der vielbefahrenen Strasse, durch die im Minutentakt unzählige Lastwagen in beide Richtungen brausen, gefolgt von Personenwagen in allen Farben und Formen. Hier lassen sich auch bereits erste Gebäude mit dem unverkennbaren Logo der Model-Gruppe ausmachen. Durch den Strassenlärm hindurch ertönt aus einer grossen Halle das Brummen von Maschinen.

Mit einem kräftigen Händedruck begrüsst mich Daniel Model in einem ruhigen Gartenhaus, welches an das Managementgebäude angeschlossen ist und mit seiner breiten Fensterfront den Blick ins Grüne gewährt. Model ist mittelgross und schlank. Mit seinem leicht gebräunten Teint wirkt er in der Blüte seines Lebens. Er ist léger aber stilsicher gekleidet. Wenn er spricht, starren seine hellen Augen oft ins Leere, seine Stirn ist gerunzelt. Seine Worte wählt er behutsam, und doch redet er viel und gestikuliert energisch.

Model der Unternehmer

Der 1960 geborene Model ist promovierter HSG-Ökonom und leitet seit 1995 in der vierten Generation die Model-Gruppe. Diese wurde 1882 als Handpappenfabrik in Ermatingen im Thurgau gegründet. Bereits 1931 erfolgte die Übersiedlung nach Weinfelden. Bis heute liegen die Hauptgeschäftsfelder in der Herstellung von Kartonverpackungen. Dafür wird für die hiesige Produktion rund ein Siebtel des Altpapieraufkommens der Schweiz verarbeitet.

Ab 1992 begann die Model-Gruppe in verschiedene europäische Länder zu expandieren, unterdessen gilt sie als halb-tschechisches Unternehmen. Model betont aber, dass Expansionsbestrebungen nur im Sinne einer Erschliessung von neuen Absatzmärkten und nicht zur Auslagerung der Produktion stattfinden. Auch in China wurde schon verhandelt, was jedoch zu keinem Ergebnis führte. „Die chinesische Kultur bleibt fremd“, stellt Model fest, schliesst aber nicht aus, dass irgendwann trotzdem eine Expansion nach Asien stattfinden wird.

Mit Blick in die Zukunft sagt Model, „wir sind in einem guten Geschäft.“ Zwar spüre auch er die derzeitige konjunkturelle Abkühlung, aber gerade die zunehmende Digitalisierung eröffnen der Model-Gruppe neue Aktionsfelder. Durch Direktbestellungen von Waren im Internet fände beispielsweise eine Fraktionierung der Auslieferung statt, was die Nachfrage nach Verpackungen weiter erhöhe.

Hier spricht der erfolgreiche und pragmatische Unternehmer. Da überrascht es auch nicht, dass Model Präsident des Arbeitgeberverbandes Mittelthurgau ist. In dieser Funktion äussert er sich zu lokalen politischen Sachfragen – eine Arbeit, die ihm Freude bereitet.

Trotzdem sagt Model, „ein sich Einbinden in die politischen Prozesse in der Schweiz ist eigentlich der Kuss des Todes.“ Gerade in der Schweiz fände durch kleinräumige und komplizierte Abläufe der legislativen und exekutiven Funktionen eine Atomisierung von Verantwortung, Persönlichkeit, Führung und Individualität statt. Das führe dazu, dass unser politisches System sehr unökonomisch sei. Dieser Preis der Demokratie sei zu hoch geworden. Model nennt beispielsweise das Rechtssystem, welches immer träger werde und irgendwann kollabieren müsse. Ähnliches stellt er im Sozialwesen fest: „Die zunehmende Ineffizienz der Umverteilung mit einer immer stärker aufgeblähten Bürokratie führt in einen Abgrund.“ Model kommt somit zum Schluss: „Unsere Demokratie hat moralisch abgewirtschaftet.“

Model der Staatsgründer

Diese Feststellung lässt Model aber keineswegs resignieren. Als Unternehmer ist er es gewohnt, Probleme zu lösen. So hat er auch für die aktuelle politische Situation eine Lösung gefunden: Er hat vor zwei Jahren vor hundert Zeugen den Staat Avalon ausgerufen.

Der Name, welcher „Apfelgarten“ heisst, spielt auf einen mystischen Ort aus der Artussage an. Der Sage nach hielt sich König Artus nach seiner Verwundung in Avalon auf. In der Version des 21. Jahrhundert liess sich der Geist Avalons nach seinem Aufstieg aus dem Bodensee im Apfel-Kanton Thurgau nieder.

Bei seiner Gründung war Avalon noch ein Selbststaat mit Model als einzigem Bürger, unterdessen gibt es schon zwei weitere Avalonier. Damit ist Avalon der einzige Staat der Welt, dessen Bevölkerung sich in den letzten zwei Jahren verdreifacht hat, wie Model stolz anmerkt.

Noch ist Avalon nicht-territorial. Weil das Prinzip der Territorialität in der Vergangenheit oft einen hohen Blutzoll gefordert habe, soll es bei Avalon nicht die zentrale Bedeutung haben, wie dies beim Völkerrecht der Fall ist. Geplant ist aber trotzdem der Bau eines Regierungsgebäudes auf knapp 2'000 Quadratmetern im thurgauischen Müllheim. „Dadurch geben wir zu, dass wir physische Wesen sind“, erläutert Model diesen Schritt. Ferner plant Model die Etablierung einer auf Edelmetallen beruhenden Geldwährung sowie die Schaffung eines neuen Kalenders.

Das Regierungsgebäude, welches auch als „Hof“ bezeichnet wird, soll unter anderem Schulen beinhalten sowie Platz für künstlerisches Schaffen bieten. „Avalon will eigentlich eine neue Kultur begründen“, erwähnt Model fast beiläufig. Anknüpfend an vergangene romantische Strömungen sollen in Avalon Künste zelebriert werden, die den Menschen wieder in eine würdevolle Sphäre bringen.

Ein promovierter Ökonom, ein erfolgreicher Unternehmer, der das aktuelle politische System aus ökonomischen Überlegungen für nicht reformierbar ansieht und darauf halt einfach seinen eigenen Staat gründet, spricht nun plötzlich von Mythen, von Bildung, von Kunst – wie passt das zusammen?

Gegensätze auf den zweiten Blick

Doch nicht nur zwischen dem kalkulierenden CEO und dem idealistischen Avalonier finden sich scheinbare Spannungen. Ähnliches lässt sich auch zwischen Model als Kritiker des Sozialstaats und Model als avalonischem Sozialpolitiker ausmachen.

„Was nützt es dem anderen?“ – Das ist Models Formulierung der sozialen Frage, die sich ihm unweigerlich stellte, als Avalon aus einem Selbststaat mit nur einem Bürger zu einem Staat mit drei Bürgern wurde. „Der Avalonier kümmert sich nicht mehr so sehr um sich. Er ist sich seiner Existenz schon gewiss und ist glücklich darüber.“ Darum ist neben den Idealen der Freiheit und des Individualismus auch das freiwillige Geben ein Grundpfeiler Avalons. „Wir versuchen, dass jeder eine warme Suppe bekommt“, bedeutet das konkret. Diesen Ausspruch grenzt Model aber mit Nachdruck vom Sozialstaat ab, welcher anonym durch Zwang umverteile und dadurch gar nicht sozial sein könne.

Genauso wie sich der Individualismus nicht vom Sozialen trennen lässt, hängen für Model nun auch der Bereich des Ideellen und der Bereich des Materiellen eng zusammen. Am praktischen Beispiel des Gartenhauses, in dem wir sassen, erklärte Model, wie es zuerst eine Idee braucht, bevor sich diese materialisieren könne. Das Gartenhaus war zuerst die Idee seiner Grossmutter, die dann Leute mit dem Bau beauftragte. Dafür wiederum brauchte es zuerst die Idee, dass man aus Lehm Ziegel machen kann. Gleichzeitig gibt Model aber zu, dass die materielle Basis für die ideelle Sphäre auch von Bedeutung ist: „Es beeinflusst das Ergebnis, wenn man mit leerem Bauch künstlerisch tätig sein will.“ Gerade im Gegensatz zu den Sozialstaaten, wo die Ökonomie mit Füssen getreten werde, soll diese darum in Avalon auch eines der Prinzipien sein.

Avalon als Idee und Praxis

Heute ist Avalon noch nicht viel mehr als eine Idee. Doch die avalonischen Ideale und Prinzipien lebt Model schon heute. Neben seiner karitativen Tätigkeit bei der Kids’ Charity Gala ist er beispielsweise auch Investor des Internetfernsehens rebell.tv und Amazee, der „weltweit ersten Social Collaboration Plattform“.

Früher oder später erhofft Model sich als Präsident Avalons auch einen freien Zusammenschluss mit anderen Selbststaaten und Mikrostaaten. Model ermuntert die Menschen, seinem Beispiel zu folgen und im Sinne des Aufstands des Individuums gegen das Machtmonopol des Staats einen eigenen Staat zu gründen: „In Avalon gibt es immer ein kleines Fest, wenn jemand einen Staat ausruft.“

Daniel Model ist ein Mann der Gegensätze, aber er ist kein Mensch von Widersprüchen.